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ConRad 2025: Globale Fortschritte im Strahlenschutz, in der Vorbereitung und im Krisenmanagement - DE

Einführung: Ein internationales Forum zum Strahlenschutz

Der ConRad 2025-Kongress, die 26. Internationale Konferenz über Nuklearmedizinische Verteidigung, fand vom 5. bis 8. Mai 2025 in München statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Radiobiologie der Bundeswehr (angeschlossen an die Universität Ulm, BIR). Diese alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung hat sich zu einem weltweit führenden Forum für ionisierende Strahlung entwickelt, insbesondere in den Bereichen Vorbereitung, Reaktion, Strahlenschutz und notfallbezogene Forschung. ConRad 2025 vereinte Hunderte zivile und militärische Fachleute aus zahlreichen Ländern und bot einen multidisziplinären Rahmen für den wissenschaftlichen und praktischen Austausch im Bereich des Strahlenschutzes.

 

Ein schönes Geschenk der Veranstalter: eine Ente in traditioneller bayerischer Tracht und eine Süßigkeit, die der Konferenz eine herzliche und aufmerksame Note verliehen.

 

  

Begrüßung durch Dr. Matthias Port und Generalarzt Dr. Holtherm

 

Die Eröffnungsreden wurden gehalten von Oberstarzt Prof. Dr. Matthias Port vom Institut für Radiobiologie der Bundeswehr, das der Universität Ulm angeschlossen ist (München, Deutschland), in seiner Funktion als Vorsitzender der Konferenz, sowie von Dr. Zhanat Kenbayeva von der Weltgesundheitsorganisation (Schweiz), ebenfalls in ihrer Rolle als Vorsitzende der Konferenz.

Diese Ausgabe hob zwei zentrale Themenschwerpunkte in bedeutenden Plenarsitzungen hervor: Zum einen Biomarker für die Biodosimetrie und die Vorhersage der Schwere des akuten Strahlensyndroms (ARS); zum anderen die Dekorporation von Radionukliden (Strategien zur Entfernung radioaktiver Kontaminanten aus dem Körper).

Neben diesen Kernthemen umfasste das Programm ein breites Spektrum an Bereichen – von Epidemiologie und Strahlenbiologie über die radiologische Notfallmedizin sowie Strahlenphysik und Dosimetrie bis hin zu Aspekten des operativen Strahlenschutzes.

Im Folgenden wird eine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte von ConRad 2025 präsentiert, die sich an Fachleute im Bereich Strahlenschutz und technisch interessierte Leser richtet.

 

Vorbereitung und Reaktion auf radiologische Notfälle

Ein zentrales Querschnittsthema des Kongresses war die Vorbereitung und Reaktion auf nukleare oder radiologische Zwischenfälle. In der Sitzung zum Management von Strahlenunfällen wurde die Frage direkt gestellt: „Sind wir auf radiologische Zwischenfälle vorbereitet?“ — begleitet von einer Analyse der lokalen und nationalen Reaktionsprotokolle.

Diese Studie, an der auch die Feuerwehr- und Polizeidienste Hamburgs beteiligt waren, kam zu dem Schluss, dass solche Unfälle zwar selten sind, aber jederzeit und überall auftreten können. Derzeit mangelt es der Reaktion in vielen Kontexten häufig an Koordination und spezialisierten Ressourcen.

Hervorgehoben wurde die Notwendigkeit, das Bewusstsein zu schärfen und die Schulung des medizinischen Personals zu verbessern, ebenso wie die Bedeutung, Krankenhäuser mit geeigneten Erkennungs- und Dekontaminationsmitteln auszustatten. Zudem wurde betont, wie wichtig es ist, lokale Notfallpläne zu erstellen, die alle relevanten Behörden einbeziehen (Feuerwehr, Polizei, spezialisierte Labore usw.), um einen radiologischen Notfall wirksam bewältigen zu können.

 

 

Internationale Erfahrungen und Zusammenarbeit

Japan teilte die Lehren, die aus dem nationalen Gesundheitssystem zur Bewältigung radiologischer Katastrophen gezogen wurden – entwickelt im Anschluss an Vorfälle wie Tokaimura und Fukushima. Ähnlich präsentierten auch andere Länder Initiativen zur Stärkung ihrer Vorsorgemaßnahmen; so zeigte beispielsweise Saudi-Arabien, wie es Biodosimetrie-Fähigkeiten in seine nationalen Notfallpläne für nukleare Ereignisse integriert.

Auf internationaler Ebene kündigte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Veröffentlichung der neuen iCAM-Richtlinien (Internal Contamination Assessment and Management) an. Diese bieten evidenzbasierte Empfehlungen zur Bewertung und Behandlung von Personen, die intern mit Radionukliden kontaminiert sind. Die Richtlinien stellen einen wichtigen Schritt zur Standardisierung der weltweiten Reaktion auf innere Kontaminationen dar und fördern die internationale Koordination.

Mehrere Fachleute hoben die Bedeutung internationaler Netzwerke und Zusammenarbeit bei der Notfallreaktion hervor. Im Rahmen des Kongresses wurden aktuelle Informationen über RENEB – das europäische Netzwerk für Biodosimetrie und retrospektive Dosimetrie – vorgestellt. RENEB erweitert kontinuierlich seine gemeinsamen Fähigkeiten für eine koordinierte radiologische Notfallreaktion in Europa. In diesem Zusammenhang war Spanien besonders präsent: Ein Konsortium spanischer Zentren stellte die Entwicklung eines nationalen Biodosimetrieprotokolls für radiologische Notfälle vor, unterstützt vom spanischen Sicherheitsrat für Nuklearfragen (CSN), was das Engagement des Landes zur Stärkung nationaler Vorbereitungsmaßnahmen im Strahlenschutz unterstreicht.

 

 

Beiträge der USA und die Herausforderung des Massenanfall-Managements

Die Vereinigten Staaten teilten ihre Erfahrungen über das Radiation Injury Treatment Network (RITN), das Initiativen vorstellte, die darauf abzielen, die Notfallvorsorge in abgelegenen Regionen wie den Pazifikinseln zu stärken. Diese Maßnahmen umfassen die Schulung von lokalem Personal sowie die Entwicklung spezifischer Notfallpläne, die auf die besonderen Bedürfnisse dieser Gebiete zugeschnitten sind.

Eine wiederkehrende Herausforderung bei nuklearen Notfällen ist das effektive Management von Massenunfällen mit zahlreichen Personen, die besorgt, aber nicht unbedingt betroffen sind – häufig als „Worried Well“ bezeichnet. Bei ConRad 2025 wurden Strategien für das Triage- und Kommunikationsmanagement dieser Bevölkerungsgruppe diskutiert, um eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu vermeiden. Vorgestellt wurde ein integrierter Ansatz, um auf deren medizinische und psychologische Anliegen einzugehen und sie bei fehlender signifikanter Strahlenexposition gezielt außerhalb des Krankenhausbereichs zu betreuen.

 

Im Zusammenhang mit diesem Thema wurde ein System zur schnellen radiologischen Bewertung im großen Maßstab für Katastrophenszenarien vorgeschlagen. Ein deutsches Team präsentierte Hochdurchsatzmethoden zur Unterscheidung nicht exponierter Personen (Dosis <1 Gy) im Falle eines nuklearen Zwischenfalls, wodurch medizinische Ressourcen gezielt auf tatsächlich betroffene Personen konzentriert werden könnten.

Diese Forschungsarbeit umfasst schnelle genetische Tests – wie etwa einen PCR-Test mit vier Genen zur frühzeitigen Erkennung der Exposition – die entscheidend sind, um die Notfallreaktion in Szenarien mit potenziell großen betroffenen Personengruppen zu optimieren.

 

Medizinisches Management bestrahlter Opfer

Anschließend wurde die Koordination der medizinischen Versorgung bestrahlter Opfer thematisiert. Ein internationales Panel von Hämatologen – mit Experten der WHO, aus Japan, den USA und Europa – diskutierte den Einsatz hämatopoetischer Zytokine (Wachstumsfaktoren) in Szenarien mit vielen Betroffenen.

Das Gremium sprach Empfehlungen aus, wie und wann koloniestimulierende Faktoren (wie G-CSF, GM-CSF und Thrombopoetine wie Nplate) bei radiologischen Zwischenfällen unter begrenzten Ressourcen verabreicht werden sollten. Ziel war es, das akute Knochenmarksyndrom (auch bekannt als hämatopoetisches akutes Strahlensyndrom) abzumildern und die Überlebensraten bei großflächigen Notfällen zu verbessern.

 

Allgemeine Erkenntnisse aus den Notfallsitzungen bei ConRad 2025

Die auf Notfälle fokussierten Sitzungen bei ConRad 2025 machten deutlich, dass zwar erhebliche Fortschritte in der Planung und bei den Reaktionsmaßnahmen erzielt wurden, jedoch weiterhin große Lücken bestehen – insbesondere bei der Schulung des medizinischen Personals, bei der Verfügbarkeit geeigneter Ausrüstung sowie bei der institutionellen Koordination. Diese Aspekte stellen zentrale Herausforderungen dar, denen sich die Strahlenschutzgemeinschaft in Zukunft stellen muss.

Technologische Innovationen im Strahlenschutz und in der Ausbildung

Der Kongress unterstrich außerdem, wie wichtig Technologie als Verbündeter in der radiologischen Notfallbewältigung geworden ist. Zahlreiche innovative Werkzeuge wurden vorgestellt, um sowohl die Erkennungsfähigkeiten als auch die berufliche Ausbildung zu verbessern. Ein herausragendes Beispiel war die Entwicklung von Virtual- und Augmented-Reality-Simulatoren (VR/AR) für die Ausbildung in radiologischen Notfällen. Forscher aus Südkorea präsentierten ein umfassendes immersives Trainingssystem, das nukleare und radiologische Unfallszenarien realistisch simuliert und praktische Erfahrungen in einer sicheren, kontrollierten Umgebung ermöglicht.

 

Immersives Training mit Virtual Reality

Der Virtual-Reality-Simulator ermöglicht es Ersthelfern, Patientendekontaminationsverfahren zu üben, komplexe Opfer in radiologischen Szenarien zu versorgen und Massentriage in verschiedenen Situationen durchzuführen – von Reaktorunfällen bis hin zu Terroranschlägen mit sogenannten „schmutzigen Bomben“. Die VR-Sitzungen beinhalten Dutzende virtuelle Patienten mit Vitalzeichen, traumatischen Verletzungen und Symptomen des akuten Strahlensyndroms, was die Nutzer dazu zwingt, eine Einschätzung vorzunehmen und die Patienten nach Schweregrad zu klassifizieren.

Zwischen 2023 und 2024 wurden über 270 Fachkräfte in Südkorea mit dieser Plattform ausgebildet, was ihre Wirksamkeit bei der Entwicklung kritischer Fähigkeiten und der Beschleunigung von Entscheidungsprozessen in einer risikofreien Umgebung unter Beweis stellt. Virtual Reality, insbesondere in Kombination mit Augmented Reality, entwickelt sich damit zu einem hochmodernen Instrument zur Vorbereitung hochqualifizierten Personals auf den Strahlenschutzeinsatz.

Mobile Technologie für Feldtraining: Projekt SIEVERT

Eine weitere bemerkenswerte Innovation war das Projekt SIEVERT, eine in Deutschland entwickelte mobile Anwendung, die verschiedene Radiometer und Notfalldetektoren interaktiv simuliert. Diese App ermöglicht es Einsatzkräften, das Auffinden und Messen radioaktiver Quellen in simulierten Übungen zu trainieren, wobei Messwerte von Geräten wie Betriebsdosimetern, Geigerzählern und Spektrometern über eine Smartphone-Oberfläche nachgebildet werden.

Solche Werkzeuge erweitern den Zugang zu kontinuierlichem praktischem Training erheblich – auch außerhalb von Laborumgebungen – und verbessern die Einsatzbereitschaft des Personals im Feld für den korrekten Umgang mit Detektionsgeräten bei realen Vorfällen. Selbst für Teams ohne physische Detektoren bietet die App ein besseres Verständnis der Strahlengefahren sowie der grundlegenden Schutzprinzipien wie Abschirmung, Abstand und Begrenzung der Expositionszeit.

Fortschritte in der schnellen radiologischen Diagnostik

ConRad 2025 stellte zudem vielversprechende Fortschritte im Bereich der schnellen Diagnostik vor. Neben den bereits erwähnten tragbaren genomischen Tests für das Triageverfahren wurde eine neue mikrofluidische Plattform auf Speichelbasis vorgestellt. Dieses System kann Veränderungen in der Genexpression erkennen, die durch Strahlenexposition ausgelöst werden, und bietet damit eine nicht-invasive, schnelle und potenziell vor Ort einsetzbare Methode für die Frühdiagnose und Reaktion bei radiologischen Notfällen.

 

Neue Biosensortechnologien für nichtinvasive Biodosimetrie

Diese Biosensortechnologie, die sich noch in der Entwicklung befindet, zielt darauf ab, nichtinvasive Biodosimetrie-Werkzeuge für den Einsatz am Ort der Versorgung zu schaffen, bei denen eine einfache Speichelprobe helfen kann abzuschätzen, ob eine Person eine signifikante Dosis ionisierender Strahlung erhalten hat. Die Möglichkeit, tragbare Kits zur Verfügung zu haben, die sofortige genetische Analysen durchführen können – ohne auf zentrale Labore angewiesen zu sein – würde einen bedeutenden Fortschritt für das frühzeitige Triage von Betroffenen nuklearer Zwischenfälle darstellen.

Künstliche Intelligenz und Datenmanagement im Strahlenschutz

Die Integration von künstlicher Intelligenz (KI) und fortschrittlichem Datenmanagement war ein weiteres zentrales Innovationsfeld. Eine spezielle Sitzung mit dem Titel „Fortschritte im Datenaustausch und -management im Strahlenschutz“ brachte Expertinnen und Experten zusammen, die die Notwendigkeit betonten, die FAIR-Prinzipien umzusetzen – also Daten auffindbar (Findable), zugänglich (Accessible), interoperabel (Interoperable) und wiederverwendbar (Reusable) zu machen – insbesondere in groß angelegten Forschungsinitiativen.

Ein Hauptfokus lag auf der europäischen Initiative PIANOFORTE, einem Konsortium zur Förderung der Strahlensicherheit, das sich zum Ziel gesetzt hat, diese Standards im Datenmanagement zu etablieren, um Zusammenarbeit und Transparenz in der Forschung zu stärken. Parallel dazu schlug Deutschland die Einrichtung einer Bilddatenbank für dikentrische Chromosomen innerhalb des RENEB-Netzwerks vor. Ziel ist es, diese Ressource zum Training und zur Validierung von KI-Algorithmen für die automatisierte Biodosimetrie zu nutzen und so die Geschwindigkeit und Skalierbarkeit von Dosisabschätzungen bei radiologischen Notfällen zu verbessern.

 

Auf dem Weg zur KI-gestützten Biodosimetrie und ethischem Datenumgang

Die Entwicklung dieser internationalen Bilddatenbank bringt erhebliche Herausforderungen mit sich – insbesondere in Bezug auf Finanzierung, Datenschutz und Standardisierung. Dennoch eröffnet sie die Möglichkeit, künftig die Analyse chromosomaler Aberrationen und anderer Dosis-Biomarker mithilfe von Algorithmen zu automatisieren, die mit großen Datenmengen (Big Data) trainiert wurden.

Parallel dazu diskutierten Experten europäischer Krankenhäuser, wie das Management klinischer Daten und datenschutzrechtliche Überlegungen die Implementierung von KI-Lösungen im medizinischen Strahlenschutz beeinflussen. Sie betonten die Notwendigkeit, technologische Innovation mit Informationssicherheit und ethischer Verantwortung in Einklang zu bringen, damit KI-gestützte Werkzeuge den Patienten zugutekommen, ohne deren persönliche Daten zu gefährden oder gegen regulatorische Vorgaben zu verstoßen.

Nichtionisierende Strahlung: Überwachung und biologische Auswirkungen

Die technologische Aufmerksamkeit bei ConRad 2025 ging auch über ionisierende Strahlung hinaus und bezog nichtionisierende Quellen mit ein. Vorgestellt wurde ein neues persönliches Dosimeter namens DOZEMF, das die individuelle Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern im Radiofrequenzbereich quantifizieren kann – besonders relevant angesichts der zunehmenden Verbreitung neuer drahtloser Kommunikationstechnologien.

Darüber hinaus wurden experimentelle Studien zu den möglichen biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung in militärischen und zivilen Anwendungsbereichen vorgestellt. Besonders hervorzuheben ist eine rumänische Studie, die die Langzeitexposition gegenüber gepulster Radarsstrahlung an Tiermodellen untersuchte. Obwohl kein signifikanter oxidativer Stress bei den Ratten festgestellt wurde, zeigten sich subtile Hinweise auf eine Lipidperoxidation – was auf weiteren Forschungsbedarf hinweist. Diese Ergebnisse bieten eine gewisse Entwarnung hinsichtlich der Sicherheit von Systemen wie Radar und 5G, machen aber auch deutlich, dass Wissenslücken über chronische Effekte niederintensiver nichtionisierender Strahlung bestehen bleiben.

Dekorporation von Radionukliden: Ein zentrales Thema bei ConRad 2025

Die Dekorporation – also die Entfernung inkorporierter Radionuklide aus dem Körper – war ein weiteres zentrales Thema bei ConRad 2025 und wurde sowohl im Hinblick auf die Entwicklung neuer Therapien als auch auf die Neubewertung bestehender Behandlungsansätze diskutiert. Plenarsitzung II war vollständig diesem Thema gewidmet und beinhaltete Beiträge der Weltgesundheitsorganisation sowie mehrerer internationaler Referenzzentren.

Ein zentrales Element der Sitzung war eine systematische Überprüfung der Wirksamkeit von DTPA (Diethylentriaminpentaessigsäure), einem seit dem Kalten Krieg eingesetzten Chelatbildner zur Bindung von Actiniden und Schwermetallen bei innerer Kontamination. Die aktualisierten Ergebnisse dieser Übersicht ermöglichten eine Neubewertung der Indikationen und Grenzen von DTPA in unterschiedlichen Szenarien und schufen eine fundiertere Evidenzbasis für seinen klinischen Nutzen.

Ergänzend zum wissenschaftlichen Überblick teilte das REAC/TS-Institut (USA) umfangreiche Felderfahrungen mit dem Einsatz von DTPA bei realen Kontaminationsfällen mit Plutonium, Americium und anderen Actiniden. Dabei wurden zentrale Erkenntnisse hervorgehoben – wie die entscheidende Bedeutung eines frühzeitigen Behandlungsbeginns, wiederholter Dosierung und kontinuierlicher Patientenüberwachung. Diese praktischen Empfehlungen sollen die Wirksamkeit der Chelattherapie bei zukünftigen radiologischen Notfällen optimieren.


Zukünftige Perspektiven: Neue Dekorporationsmittel in Entwicklung

Mit Blick auf die Zukunft präsentierten mehrere Forschungsteams vielversprechende Fortschritte bei Dekorporationsmitteln der nächsten Generation. Eine der herausragendsten Neuigkeiten betraf HOPO-101, einen hochmodernen Chelatbildner, der speziell für die orale Verabreichung entwickelt wurde. Im Gegensatz zu DTPA – das intravenös oder inhalativ verabreicht werden muss – weist HOPO-101 eine hohe Affinität zu Actiniden auf und wird in Form von Tabletten oder Kapseln verabreicht, was seine Anwendung in Szenarien mit vielen Betroffenen erheblich vereinfacht. Bei ConRad wurde bestätigt, dass HOPO-101 in die frühen Phasen klinischer Studien eingetreten ist, was große Erwartungen als potenziell breit zugängliches Antidot bei nuklearen Zwischenfällen weckt.

Parallel dazu entwickeln europäische Forscher innovative Formulierungen wie Nanopartikel aus Berliner Blau zur Behandlung innerer Kontamination mit Cäsium-137. Dieser auf Nanotechnologie basierende Ansatz zielt darauf ab, die Bindungskapazität des traditionellen Berliner Blaus gegenüber Cäsium zu verbessern und so dessen Ausscheidung aus dem Körper nach Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt oder die Atemwege zu beschleunigen.

Auch neue Verabreichungswege wurden untersucht, um Wirksamkeit und Zugänglichkeit der Behandlung zu verbessern. Eine französische Studie präsentierte Belege dafür, dass inhalatives DTPA in Aerosolform eine wirksame Methode zur Behandlung chronischer Plutonium-Kontamination der Lunge darstellt. Diese Verabreichungsform ermöglicht eine gezielte Chelatbildung direkt im betroffenen Lungengewebe und verringert gleichzeitig systemische Nebenwirkungen.

Diese Fortschritte spiegeln einen klaren Trend zu besser zugänglichen, gezielteren und an großflächige Notfallsituationen anpassbaren Therapien wider.

Insgesamt deuten diese Entwicklungen auf eine Zukunft hin, in der radiologische Gegenmaßnahmen nicht nur wirksamer, sondern auch praktischer und skalierbarer für den Notfalleinsatz sind.

 

Klinische Fortschritte bei Gegenmaßnahmen gegen das Akute Strahlensyndrom (ARS)

Klinische Anwendungen medizinischer Gegenmaßnahmen gegen das akute Strahlensyndrom (ARS) nahmen ebenfalls einen wichtigen Platz auf der Agenda ein. Forschende der Uniformed Services University (USA) präsentierten Erkenntnisse zur Erweiterung des therapeutischen Zeitfensters von Romiplostim (Nplate), einem Thrombopoetin-Rezeptor-Agonisten, der zur Behandlung von strahlenbedingtem Knochenmarkversagen zugelassen ist. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass Nplate auch dann noch wirksam sein könnte, wenn es nach dem derzeit empfohlenen Zeitraum nach der Exposition verabreicht wird – ein entscheidender Vorteil für Betroffene, die bei großflächigen Notfällen verspätet medizinische Versorgung erhalten.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war die strahleninduzierte Lungenfibrose, eine potenziell tödliche Komplikation der strahlenbedingten Lungentoxizität. Eine Forschungsgruppe stellte einen kombinierten Ansatz vor, bei dem neue antifibrotische Medikamente mit KI-basierten Algorithmen zur Frühdiagnose von Lungenschäden in Mausmodellen kombiniert werden.

Ziel dieser Forschungsrichtung ist es, Patienten, die ein Risiko für die Entwicklung einer fortschreitenden Fibrose haben, so früh wie möglich zu identifizieren – durch automatisierte Bildanalyse oder Biomarker-Profile – um Gegenmaßnahmen einleiten zu können, bevor irreversible Schäden entstehen. Solche integrativen Strategien könnten die Langzeitergebnisse für Überlebende des ARS erheblich verbessern, insbesondere in Szenarien mit hohen Dosen oder Teilkörperbestrahlungen.

 

Translationale Radiobiologie und neue aufkommende therapeutische Zielstrukturen

Die translationale Radiobiologie und Radiopathologie trugen ebenfalls mit neuen Erkenntnissen bei, die potenzielle klinische Relevanz besitzen. Dänische Forschende präsentierten ein vielversprechendes radioprotektives Mittel gegen das gastrointestinale akute Strahlensyndrom (GI-ARS), das in präklinischen Modellen ermutigende Ergebnisse zeigte. Darüber hinaus wurden neue potenzielle therapeutische Zielstrukturen identifiziert, darunter TRP-Ionenkanäle. Laut den vorgestellten Studien könnte die Modulation dieser Kanäle dazu beitragen, die systemischen Effekte einer akuten Strahlenexposition zu mildern.

Im Bereich der Onkologie wurde berichtet, dass bestimmte Stoffwechselmedikamente – wie Fenofibrat (häufig zur Behandlung von Dyslipidämie eingesetzt) – als Tumor-Radiosensibilisatoren bei Hirntumoren wirken könnten. Diese Effekte scheinen auf Veränderungen im Lipidstoffwechsel maligner Zellen zurückzuführen zu sein. Obwohl sich diese Forschung noch in einem frühen Stadium befindet, zeigen die Ergebnisse die zunehmende Ausweitung des radiobiologischen Wissens und dessen mögliche Umsetzung in neue therapeutische oder schützende Strategien – sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für die Allgemeinbevölkerung.

Die ConRad-2025-Konferenz beinhaltete am Dienstag, den 6. Mai, eine besondere Postersession, die von einem Stehbuffet begleitet wurde, um den wissenschaftlichen Austausch zu fördern. Insgesamt wurden 57 Poster präsentiert, die eine breite Themenvielfalt in neun Fachbereichen abdeckten: Biodosimetrie, Dekontaminationsmaßnahmen und Monitoring, Auswirkungen elektromagnetischer Felder und nichtionisierender Strahlung, Effekte ionisierender Strahlung in niedriger Dosis, Management radiologischer Unfälle, Strahlenbiologie/-physik, medizinische Notfallvorsorge und -reaktion bei radiologischen Ereignissen, Strahlenepidemiologie sowie gesundheitliche Auswirkungen und medizinische Gegenmaßnahmen.

   

Die Konferenz beinhaltete auch einen sehr bewegenden Moment: den Ruhestand unseres geschätzten Prof. Dr. Michael Abend. Die Feier wurde von Live-Musik begleitet, und mehrere berührende Reden wurden von Kolleginnen, Kollegen und Freunden von Prof. Dr. Abend gehalten. Als besondere Würdigung erhielt er ein wunderschönes Geschenk: ein Gemälde, das aus Ausschnitten vieler seiner wissenschaftlichen Publikationen gefertigt wurde.

  

Im Rahmen des Programms wurde Zeit für einen Besuch der traditionellen Brauerei Ayinger eingeplant, bei dem die Teilnehmenden mehr über die Geschichte, die Bierauswahl und den Brauprozess erfuhren. Der Besuch endete mit einer Bierverkostung und verlieh der Konferenzerfahrung eine kulturelle und angenehme Note.

  

Fazit: Fortschritte und Herausforderungen nach ConRad 2025

ConRad 2025 bot einen umfassenden und aktuellen Überblick über die Fortschritte im Bereich des Strahlenschutzes und machte gleichzeitig deutlich auf die noch bestehenden Herausforderungen aufmerksam. Die internationale Gemeinschaft hat beachtliche Fortschritte erzielt: verbesserte Diagnose- und Schnelltriage-Tools, hochmoderne Ausbildungstechnologien zur Stärkung der Einsatzbereitschaft, neue Medikamente und Gegengifte zur Minderung strahlenbedingter Schäden sowie stärkere nationale und internationale Kooperationsnetzwerke, die bereit sind, auf Notfälle zu reagieren.

Insbesondere die Entwicklungen in der Biodosimetrie der nächsten Generation, die Harmonisierung internationaler Leitlinien und innovative Therapien zur Dekorporation von Radionukliden stellen wichtige Schritte hin zu einer wirksameren und evidenzbasierten Reaktion auf radiologische Notfälle dar.

Dennoch hallte die wiederkehrende Frage – „Sind wir wirklich vorbereitet?“ – in mehreren Sitzungen wider und unterstrich bedeutende Lücken in der Praxis: Viele Krankenhäuser verfügen nicht über ausreichende Schulungen und Ausrüstung, um groß angelegte radiologische Vorfälle zu bewältigen. Eine wirksame Koordination zwischen den Behörden hängt vielerorts noch immer von lokalen Einsatzplänen ab, die oft unzureichend entwickelt oder gar nicht vorhanden sind. Kontinuierliche Weiterbildung und berufliche Entwicklung im Strahlenschutz bleiben entscheidende Prioritäten, um Bewusstsein und Kompetenz angesichts seltener, aber potenziell katastrophaler Ereignisse zu erhalten.

ConRad 2025 förderte ein kooperatives, multidisziplinäres Umfeld mit aktiver Beteiligung internationaler Organisationen, militärischer und ziviler Institutionen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Der Kongress bekräftigte die Bedeutung gemeinsamer Anstrengungen zur Stärkung der Vorbereitung und Reaktionsfähigkeit bei radiologischen Notfällen.

Die Teilnehmenden kehrten mit einer klaren Botschaft in ihre Länder zurück: Wissenschaftliche und technologische Fortschritte müssen durch praktische Umsetzung in Form von Schulungen, Protokollen und operativen Ressourcen begleitet werden. Nur so können Innovationen – von genetischen Biomarkern bis hin zu VR-Simulatoren – zu realen Verbesserungen im Strahlenschutz für die Bevölkerung und Arbeitskräfte führen und die effektive Bewältigung künftiger nuklearer oder radiologischer Zwischenfälle ermöglichen.

Im Wesentlichen hat ConRad 2025 den Weg für die nächsten Herausforderungen und Chancen in diesem entscheidenden Bereich des öffentlichen Gesundheits- und Sicherheitswesens aufgezeigt.

Wir möchten unseren aufrichtigen Dank an Dr. Matthias Port aussprechen – einen außergewöhnlichen Wissenschaftler, Oberst und Arzt, vor allem aber einen herausragenden Menschen – für alles, was er für die Wissenschaft getan hat. Dank seines Engagements ist die Welt zweifellos ein sichererer und besser vor Strahlung geschützter Ort!

 

Gruppenfoto

 

Juan Gomis Ferraz und Alegria Montoro Pastor, Strahlenschutzdienst, Universitäts- und Polytechnisches Krankenhaus La Fe in Valencia

 

Matthias Port als Konferenzvorsitzender und Laura Kubitscheck als Konferenzsekretärin.

 

Herzlichen Dank an Julia Langer, offizielle Fotografin von ConRad und des BIR, für ihre großartige Unterstützung, Hilfe und dafür, dass sie alles perfekt gemacht hat!

 

 

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